Nimm ein Messer. Es sollte eine lange Klinge mit Spitze haben, aber nicht zu lang - sagen wir dreißig Zentimeter. Es sollte sich gut anfühlen und die Klinge sollte mit leisem Singen durch die Luft fahren. Und es sollte ziemlich scharf sein.
Nimm einen Nachweis, daß du eine Ausbildung zum Fleischer hinter dir hast.
Nimm ein Schwein. Suche die Halsschlagader und stich mit der Spitze des Messers hinein, aber nicht allzu tief. Betäubung nicht vergessen (Kohlendioxid oder Elektroschocks sind billig).
Ziehe das Messer leicht nach oben, so daß die Ader geschlitzt, aber nicht durchtrennt wird. Vorsicht, wenn die Ader ganz durchtrennt wird, stirbt das arme Tier langsam und qualvoll an inneren Blutungen.
Ausbluten lassen (evtl. Eimer bereitstellen). Jetzt das Schwein auf den Rücken legen, und den großen Bauchschnitt durchführen (von der Kehle bis zum Schwanz, das Messer beim Schnitt gut festhalten und kräftig führen). Ritze die Haut an und ziehe sie an einer Stelle ab. Besonders gut klappt das, wenn vorher kochendes Wasser über die Stelle gegossen wird. Unter der Stelle sollte jetzt der Bauchspeck zu sehen sein - hier ein mittelgroßes Stück ausschneiden und auf ein bereitgelegtes Brett legen. Nicht das Sonntags-Küchenbrett verwenden, es könnte dauerhafte Blutflecken geben.
Dann ein Stück vom Hinterschinken abschneiden (die hintere Oberseite des hinteren Schenkels) und neben den Bauchspeck legen.
Jetzt nimm das Messer locker in die Hand und hacke aus dem Handgelenk, aber mit kräftigen Zügen auf den beiden Fleischstücken herum. Keine falsche Scheu beim Hacken, sie können sich nicht mehr wehren. Wenn das Muskel- und Fettgemisch zu einer breiigen Masse geworden ist, gebe es in eine Schüssel, streue liebevoll etwas Majoran und Salz darüber und mische es gut durch. Die fertige Masse jetzt wasserdicht verpacken und etwa eine Stunde lang kochen.
Nimm ein Schaf.
Stelle sicher, daß du den Nachweis zur Fleischerausbildung immer noch greifbar hast.
Töte das Schaf auf ebenso humane Weise wie das Schwein (bei Platzproblemen in der Küche an den Vermieter wenden), Halsschlagader schlitzen, ausbluten lassen, Bauchschnitt.
Das glibbrige rote Zeug, was nach dem Aufschlitzen der Bauchdecke herausquillt, ist der Darm. Suche dir ein schönes Stück aus, schneide es frei und spüle es mit kaltem Wasser innen und außen sauber. Dann lege das Stück Darm auf den Tisch, und schabe vorsichtig mit dem Messer darüber, bis die äußere Muskelschicht von der Haut abgelöst ist. Diese auch kurz kleinhacken und mit in die kochende Fleischmasse rühren. Die Schleimhaut im Inneren der Hülse entfernen und die verbleibende Haut kurz abkochen (Keime!).
Die Darmhülle, die jetzt vor dir liegt, wird "Saitling" genannt. Öfter auch mit dem Zusatz "extra zart".
Nimm jetzt die kochende Fleischmasse, tauche einen Löffel hinein, prüfe, ob die Substanz schon weich genug ist und ignoriere den seltsamen Geruch, der von dem toten Schaf ausgeht. Füge eventuell noch ein paar Gewürze hinzu.
Nimm dann eine Spritztüte (das Teil für die Sahnehäubchen auf der Torte) und fülle die heiße Fleischpaste mit einem großen Löffel hinein. Spritze dann die gekochte Fleischmischung in die Darmhülle. Diese kann auf beiden Seiten zugedreht werden, sollte aber noch fixiert werden - zwei Haarnadeln sind als Provisorium ganz gut geeignet. Dann die noch weiche Masse im Inneren solange hin- und herdrücken, bis die Form attraktiv erscheint.
Nimm die entstandene Wurst und lege sie in den Kühlschrank. Schreibe ein Etikett mit der Aufschrift "Wiener Würstchen - aus biologisch-kontrollierter Haltung. Im extra zarten Saitling". Klebe es auf ein hohes Marmeladenglas.
Dann nimm das kühle Würstchen aus dem Kühlschrank, wirf dabei keinen Blick auf die Blutflecken an deinen Händen und beiße genüßlich hinein...
Frohe Feiertage! ;)
Jedoch - die erfahrungsreiche Fahrt sollte noch nicht zu Ende sein.
Ich war von der zufälligen, aber so überraschend positiven Bekanntschaft noch so euphorisch, daß ich gleich weitermachen musste. Der Mann, der mir gegenüber saß, spürte das anscheinend langsam, denn nach einigen Minuten raunte er mir zu, daß noch gar keine Fahrkartenkontrolle gekommen wäre. Ich stimmte ihm zu, und, dadurch ermutigt, ergänzte er schon fast redselig, daß er sich erst noch eine Fahrkarte besorgen müsse.
Aha, ein Schwarzfahrer. Wenigstens in der Bahnterminologie. Ich fühlte mich durch mein vorheriges Erlebnis spontan mit dem Mann verbunden und gab ihm den rettenden Tip - er solle behaupten, in Otting-Weilheim sei der Fahrkartenautomat defekt gewesen.
Die Jungs von der Bahn haben von Telekommunikation anscheinend noch nicht mal gehört, und somit ist es völlig egal, ob man da jetzt bei der Störungsstelle angerufen hat oder nicht (das gleiche Ergebnis scheint mir auch auf die tatsächlichen Serviceleistungen zuzutreffen - der Kartenautomat in Roth hatte eine Woche später immer noch keine Serververbindung...), was mir allerdings nur recht sein kann.
Immerhin besteht bei der Bahn ein nur sehr geringes Risiko, daß sensible persönliche Daten im Rasterfahndungsstil aufgenommen und archiviert werden - zu umständlich wäre der Behördenweg. Da macht man mit einem Telefonat per Handy schon mehr an Datenschutz kaputt als mit einem halben Jahr Zugfahrt...
Jedenfalls, es kam, wie es in solchen Situationen immer kommt - der Schaffner tappte durch die engen Gänge und verlangte freundlich nach den Fahrkarten. Übrigens das erste Mal seit vier oder fünf Zugfahrten, auf dem Weg von Donauwörth nach Ulm hat man meistens seine Ruhe. Und mein Gegenüber zeigte sich erstaunlich eloquent und tischte dem armen [Beamten] Kontrolleur eine ausgefeilte Geschichte auf.
Spassig wurde es zu dem Zeitpunkt, als der blau Uniformierte seinen Monster-PDA zückte und ordnungsgemäß anfing, die Reisedaten des Mannes einzutippen, um ordnungsgemäß ein Ticket rauszulassen. Der Monster-PDA piepste ordnungsgemäß und zeigte dienstbeflissen die Meldung an, daß ein Ort namens Otting-Weilheim nicht existiere.
Und da für eine Zugreise, angefangen in einem Abfahrtsort, der nicht existiert, nur schwerlich die anfallenden Kosten berechnet, geschweige denn ein ordnungsgemäßes Ticket werden kann, gab es der arme Schaffner nach dreimaligem Versuchen schließlich auf.
Offensichtlich gab es in dem Gerät auch keine Methode, ordnungsgemäß ein Blankoticket, also eine sich über eine festgelegte Strecke erstreckende Fahrt, sozusagen von Nirvana nach Ultimo, zu buchen.
(Der letzte Satz war übrigens tatsächlich ordnungsgemäß. Wenn Sie das beim ersten Mal, genau wie ich, nicht glauben, lesen Sie ihn einfach nochmal.)
Der Versuch meiner Zufallsbekanntschaft, den Kontrolleur mit einem 10-Euro-Schein abzuspeisen, wurde komplett ignoriert - er passte nicht in das ordnungsgemäße Weltbild des armen Kerls. OK, es roch ein wenig nach Bestechung, aber ich hätte das Geld genommen und wäre weitergegangen...
Ja, und um die ganze Misere wenigstens zu einem annähernd ordnungsgemäßen Ende zu bringen, tat der Bahnschaffner, was er mit allen unpassenden Dingen, die plötzlich in seinem ordnungsgemäßen Weltbild auftauchen - er ignorierte sie. Das heißt im Klartext, nach dreimaligen Mißlingen, einen bayrischen Ort in der BaWü-Datenbank zu finden, und einen mißglückten Bestechungsversuch später, zuckte der Kartenknipser mit den Schultern und spazierte weiter. Muß ich irgendwann auch mal probieren.... (Was, sie haben keine Abfahrtshaltestelle namens Freystadt in der Datenbank? Welch Wunder! Ich kann ihnen jeden Eid schwören, daß ich da losgefahren bin...)
Ähm, und um die Sache zu einem runden Ende zu bringen - ein inhaltlicher Kreis schließt sich damit leider nicht, weil ich im letzten Teil vergessen hatte, die erste Hälfte der Pointe zu erwähnen - ich bin dem kostenlosen Reisenden diese Woche wieder begegnet.
Und der geneigte Leser möge sich jetzt fragen, ob er jetzt aus der Situation gelernt und schon aus Gründen der Wirtschaftlichkeit keine Karte gekauf hat - ich habe es jedenfalls nicht getan.
Aber, damit der letzte Absatz wenigstens einen Sinn hat, somit nicht wegen Minderwertigkeitskomplexen in meinen psychatrischen Ordner zur Behandlung muß - und damit ich nebenbei auch noch mein Versprechen der letzten Folge einlösen kann: ich landete einen Schnappschuss, und dieses Foto kommt wegen den eben genannten Gründen ausnahmsweise mal an den Schluß.
Die Hauptrolle spielte - auf dem Foto von vorne nach hinten gezählt - die Person Nummer 2.
