22.11.05

Abendbegleitung



Bahn-Ultra-PDA
Ultra-Handheld-Bahn-Multitalent-Computer

Oh nein, nicht schon wieder den 6-Uhr-Zug!
Das waren meine ersten Gedanken, als "mein" sonntägliches Massentransportmittel in den kleinen, langweiligen und ziemlich verlotterten Bahnhof einfuhr, auf dem ich gewartet hatte. Übrigens ist der Bahnhof nicht langweilig und verlottert genug, um die hiesige Jugend davon abzuhalten, den Ort als Aufenthaltsort zu erküren - anscheinend ist im Rest der Stadt noch weniger los.
Meine Gedankengänge sind vielleicht einfacher nachvollziehbar, wenn ich noch erkläre, daß die Sonntagsfahrer im Bahngeschäft sehr gehäuft von 4 bis 6 Uhr reisen - und der 6-Uhr-Zug ist der vollere von beiden. Somit sind in den bekannten Großraumwaggons mit Sicherheit alle Bänke belegt, und selbst mit Einzelsitzplätzen sieht es normalerweise dürftig aus. Das heißt dann, mit vollem Marschgepäck (15 kg Tasche + 8 kg Rucksack) die Tournee durch die einzelnen Waggons antreten. Von vorne nach hinten, und - bei genügend körperlichen Reserven - wieder zurück. Bis sich entweder ein gnädiger Mitreisender erbarmt und einen zweiten Platz auf seiner Bank freimacht oder man sich mit einem Notsitz im Gang begnügt.

Jedenfalls - kaum waren diese Worte gedacht, fand ich auch schon eine kräfteschonende Lösung: die Waggons schon mit scharfen Blicken nach freien Plätzen durchstöbern, noch während der Zug beim Einfahren ist. Ein, zwei Waggons nichts frei, dann der leere Wagen der 1. Klasse, dann wieder nichts - ah, beim vierten Mal hatte ich Glück. Im mittleren Teil eine ganze Bank frei. Und, so leid es mir für meine Leidensgenossen tut - diesmal bin ich zuerst da.
Die Person, die die gegenüberliegende Bank besetzte (übrigens auch mit schwerem Gepäck, also keine Heimkehrerin vom Kurzurlaub - bei Letzteren ist Vorsicht geboten, sie reden nämlich unglaublich gern), war eine junge Frau - blonde, geknotete Haare, blütenweißer Strickpulli, schlank, aber gut geformt - eben, was im Allgemeinen als "hübsch" bezeichnet wird. Ich freute mich schon, daß ich an diesem Wochenende meine Kamera nicht vergessen hatte.

Besagtes Wochenende war ja schon geprägt von einem Gewissenskonflikt. Einerseits endlich mal keine Uni, ausspannen, ausschlafen, Internet. Andererseits alle guten Vorsätze fürs Wochenende - Mathe wiederholen, Protokoll korrigieren, Physik lernen etc pp.
Wie hat es mein WG-Kollege letzten Sonntag abend ausgedrückt - "Am Wochenende kommt mer ja zu überhaupt nix. Egal was de dir vorgenommen hast, des wird einfach nix. Und schwupps, is des Wochenende schon wieder rum."
Ich kann dem jungen Mann vollkommen zustimmen - denn alle meine Vorhaben, von Physik über Mathe bis hin zum Protokoll sind komplett gescheitert. Teils lag es daran, daß ich ja unbedingt am Wochenende ausschlafen musste (verpassten Schlaf nachholen), teils auch an meiner angeborenen Trägheit (sic) und nicht zuletzt dem DSL6000-Zugang zu Hause ;)

Naja, jedenfalls kam's dann so raus, daß ich im Zug saß und mir dachte, jetzt könnte ich doch eigentlich mal mein Protokoll korrigieren. Sind ja nur fünf schmalere Fehler, und Akku müßte ich auch noch genug im Laptop haben. Also, Laptop angestöpselt, Ursprungsprotokoll rausgeholt und schnell ans Korrigieren gemacht.
Und so nach einer Viertelstunde kam dann der liebe Mann in dunkelblauer Uniform vorbei, Fahrkartenkontrolle. Die hatte ich zwar nicht vergessen, aber der Fahrkartenautomat in Roth verweigerte die Verbindung zum Zentralrechner (was ich dann - hoffentlich kostenfrei - per Handy eben da gemeldet habe), was im Endeffekt aufs selbe rauskam, ich hatte kein Ticket. Die Umstände erzählte ich dem guten Mann dann auch noch kurz, und er ließ mir eine Fahrkarte aus seinem Ultra-Handheld-Bahn-Multitalent-Computer. "Das macht dann Zehn Euro fünfundfünfzig, bitte." Öhm, ja, klar. Geldbeutel durchgekramt, zwischen all den Kassenzetteln war doch noch irgendwo noch was wertvolles gesteckt, oder? Nach zweimaligem Durchblättern war klar, daß ich nicht flüssig genug war, um zahlen zu können. Kein Wunder, ich war ja auch darauf vorbereitet gewesen, am Automaten zu zahlen, und der nimmt ja bekanntlich eh nur EC. "Kann ich auch per EC zahlen?" - "Da muß ich ein neues Ticket rauslassen."
Es stellte sich heraus, daß ich nicht per EC zahlen kann, sondern allein Kreditkarten erlaubt sind. So eine hatte ich zwar auch dabei, aber deren Liquiditätslimit liegt bei genau Null komma Null Euro. Vielleicht hätte ich es damit noch versucht, aber mein rettender Engel war schon zur Stelle.
Nach einer kurzen, sehr peinlichen Pause sprang meine Sitznachbarin ein und drückte mir zehn Euro in die Hand. "Bekomm ich schon irgendwie wieder."
Ich war erleichtert und peinlich berührt zugleich, und der leicht mürrische Schaffner führte den Geschäftsvorfall doch noch zu seinem vorgeschriebenen Ende, ich hatte eine Karte.

Ja, und ein angeregtes Gespräch (sie war ein Heimkommer vom Kurzurlaub) bis Donauwörth folgte. Da war die Geschichte noch nicht zu Ende, aber davon mehr nächstes Mal (dann gibts auch ein Foto).

7.11.05

Glashaus



das Yahuh Logo
Alltägliche Situation im Internet:
Ein Reporter recherchiert - weit entfernt von seiner Redaktion - an einem staatspolitischen Artikel, hat eine Reportage fertig und schickt ein paar Vorab-Infos per E-Mail an seine Zeitung.
Soweit, so gut.

Das Problem war noch nicht, daß er seine Mail von China ins Ausland abgeschickt hat.
Vielmehr hatte er ein Problem, als sein Freemail-Provider seine Mail entdeckt hat - offensichtlich war sie durch eine Scannung nach Schlüsselworten aufgefallen - und die E-Mail mitsamt Name und Adresse des Journalisten an die chinesische Polizeistelle weitergeleitet hat.

Der regimekritische Reporter namens Shi Tao wurde daraufhin wegen Weitergabe von Staatsgeheimnissen zu 10 Jahren Haft verurteilt - ein Schlag ins Gesicht für Pressefreiheit und anonymen Mailverkehr im Internet.

Der Freemail-Anbieter ist weitbekannt und nennt sich Yahoo.
Den Vorwürfen, daß hier private Daten zwar nicht illegal, aber sicher unmoralisch an die Polizeistellen weitergeben werden, setzt Yahoo entgegen, daß sie nicht die einzigen sind, die Mails scannen und Infos an Behörden weitergeben.

Einen sehr ausführlichen Bericht gibts bei Tibet-Initiative.de.

Mein Fazit: Boykottiert Yahoo.
Meldet so viele Freemail-Accounts wie möglich an, leitet eurere Spam darauf, schaltet interne Weiterleitungen in schönen großen Schleifen durch.
Und nutzt vor allem die vielen, vielen Gigabytes im Freemail-System zum Filesharing.
Ladet Musik, Filme, Programme hoch, und das am besten automatisiert und mehrfach.
Schlechtes Gewissen braucht ihr dabei eigentlich keins zu haben, die Betreiber kennen so etwas wie ein Gewissen anscheinend überhaupt nicht...