30.6.06

Endspiel



Teh Winna of the Endspiel


Gerade war ich einkaufen - ein traumhaftes Erlebnis.
Während in diesem Moment Millionen Deutscher in stickigen Räumen inmitten einer Duftwolke aus Schweiß- und Bierdunst sitzen und sich bei 30° im Schatten zweiundzwanzig gestandene Männer anschauen, die wiederum nichts als einen kleinen, weißen Ball im Sinn haben, fahre ich mit offenen Fenstern die verwaisten Straßen entlang.
Nicht nur die Parkplätze sind leer an diesem Freitag Nachmittag, auch die Gänge in den Supermärkten und die Kassen zeigen sich derzeit enorm kundenfreundlich.

Der Tip für alle fußball-verachtenden Männer unter uns, in der Verlängerung noch schnell den Wochenendeinkauf zu erledigen, sollte speziell für die selbstversorgenden Singles nicht zu verachten sein.

Ein Aspekt, den ich nicht vorhergesehen hatte, war allerdings der unerwartet bizarr hohe Frauenanteil in den Läden. Zwar war ich mit meinem Einkauf nach 20 Minuten fertig (sonst: etwa eine Stunde), jedoch wurde mir von jedem weiblichen Wesen ein verächtlich-skeptischer Blick zugeworfen. Ich begann, mich wie ein Partymacho zu fühlen, der aus Versehen in die wöchentliche Kriegsversammlung der lokalen Emanzengruppe geplatzt war. Überall mürrische Blicke, die andeuteten, sogar beim Einkaufen müssen sie mitmischen. Kann man denn nicht einmal seine Ruhe vor den Männern haben? Warum ist denn der junge Kerl überhaupt so freundlich, wenn er gerade das entscheidendste Spiel der letzten Monate verpasst? Ist der etwa sogar schwul?
Mann, war ich erleichtert, als ich einen jungen Nachbarn traf, der sich, genau wie ich, in freiwillige Abstinenz gefügt hatte.

Wegen den Einkaufsmöglichkeiten wünsche ich den Deutschen den Sieg über das Spiel heute. Wenn das allerdings so weitergeht in den Läden, wird sich wohl über kurz oder lang eine Gegengruppe der unterdrückten Männer bilden, die in Ruhe bei wichtigen Fußballspielen einkaufen wollen...

29.6.06

Nationalstolz



WM-Auto Collage


Ein spannendes Thema, an das ich mich hier gar nicht politisch wagen will - ich genieße einfach die fotografischen Möglichkeiten, die sich durch die geschmückten Fahrzeuge bieten.
(auf Bild klicken für Großaufnahme [1,1 MB])

9.6.06

Schottland



Uig, Hafengebiet


Steine, Grün, Schafe, Meer, Freiheit.
Meine Schwester habe ich gefragt, wie sie diese Insel in fünf Worten zusammen würde. Meine Definition von Nord Uist wäre das hier gewesen. Schottland ist ein sehr wildes, aber auch sehr freies Land. Die Natur läßt sich hier nicht unterdrücken, und die Leute hier versuchen es auch nicht einmal. Nur die Schafe werden in sehr weitläufigen Arealen eingezäunt, so daß sie sich auf der Insel nicht verlaufen. Das Wetter ist ebenso wild wie das Meer und der Wind, nur etwas launischer. Von dichten Nebelschwaden und bitterkaltem Nordwind bis hin zum sonnenerfüllten Strandwetter ist in drei Tagen alles dabei. Auch die Sonne nimmt sich - innerhalb der legitimen Grenzen - ihre Launen heraus. Die Dämmerung beginnt um kurz vor 11, Sonnenaufgang steht wieder um halb 4 an. Das führt dazu, daß es nachts nie wirklich dunkel wird und nächtliche Spaziergänge oder sogar Fototouren kein Problem darstellen. In meiner Beschreibung kommen die paar tausend Einwohner dieser Insel gar nicht vor, und sie verhalten sich auch nur wie Besucher in diesem Land - wenn auch wie Besucher, die vorhaben, sehr lange zu bleiben.

Gerade sitze ich auf einer kleinen Insel mitten im Meer. Mein Blick schweift über die glitzernde Wasseroberfläche und den Küstenstreifen in zwei Kilometern Entfernung, und die leuchten weißen Möwen ziehen langsame Bahnen über den Himmel. Leichte Seeluft schwingt in dem allgegenwärtigen Wind mit, gerade soviel, um mich daran zu erinnern, daß das Meer nicht weit weg ist. Gerade sind zwei schottische Frauen angekommen und haben mich informiert, daß in etwa einer Stunde eine Herde junger Kühe vorbeikommen würde und daß wir uns bis dahin doch in Richtung Osten verziehen sollen. Kein Problem.
Die Schafe hier sind gemütlich und haben ein schönes Leben, teilweise sogar richtiggehend beneidenswert schön. Und wenn sie so auf der Grasfläche liegen, könnte man meinen, Schafe und Steine wären seelenverwandt, so ähnlich erscheint mir ihre Mentalität. Jedenfalls haben die wolligen Tiere das steinähnliche Tarnen ganz gut raus, und auch sie genießen eine absonderliche Freiheit.
Noch eine Feinheit ist mir aufgefallen - schottische Häuser sehen unnatürlich aus, wenn man sie unter wolkenlos blauem Himmel betrachtet. Erst am zweiten Tag war mir klar, warum - die geduckten, kleinen Gebäude sind es gewohnt, unter einem schwer grauem, drückenden Himmel zu stehen. Und erst in dieser Kulisse bieten sie auch ein kongruentes Bild.

Meine gesammelten Fotos befinden sich bei Picasa Web.