12.6.05

DHL-Odyssee

Postbote auf Fahrrad


1. Tag - Sonntag
Ulm:
Spätabends fasse ich den verhängnisvollen Entschluß, mir bei Amazon die im Angebot stehenden Kopfhörer für 32 Euro, versandskostenfrei, zu bestellen.
Ein Klick auf "Auf einen Klick", und schon sind die Dinger gekauft.
Zur Sicherheit noch ein Onlineblick auf mein Konto, ob das überhaupt noch 32 Euro verträgt. Verträgt es noch.
Gehe mit beruhigtem Gewissen ins Bett.

2. Tag - Montag
Geschäftsstelle Amazon Deutschland:
Herr Müller stand im Stau und ist deswegen fast eine halbe Stunde zu spät.
Gehetzt steigt er aus seinem klapprigen Golf, knallt die Autotür zu und flucht über alle Montag Morgen dieser Welt.
Als er an seinem Schreibtisch den Computer einschaltet, sieht er die anstehenden Bestellungen, die über das Wochenende eingegangen sind.
Seine Aufgabe ist es, zu prüfen, ob alle per Onlineantrag eingegangen Daten stimmen, die Zahlungsaufträge an die Finanzabteilung und die Bestellungen an das Lager weiterzugeben.
Soeben stehen 287 Bestellungen auf seiner Liste, davon drei von heute morgen.
Stöhnend setzt er sich auf seinen quietschenden Bürostuhl, greift zur Tastatur und verflucht alle Wochenendkäufer, während er Kontonummer um Kontonummer an die Finanzabteilung schickt.
Noch bevor er mit den ersten zehn Bestellungen fertig ist, kommen schon die ersten Bestätigungen über die Konten zurück.
Bei den gültigen Bestellungen setzt Herr Müller ein Häkchen und verschiebt sie dann im Zehnerpack auf das Icon für das Lager.
Nach der einhundertzweiundzwanzigsten Bestellung gähnt Herr Müller herzhaft.
Ein Fall macht ihm Sorgen, die Bestätigung für Bestellung 45 ist noch nicht angekommen.
Herr Müller entschließt sich in einem Anflug von Arbeitseifer, sich persönlich um die Sache zu kümmern, aber erst nach der Mittagspause.
Er packt die Brotzeitdose aus, die seine Frau für ihn vorbereitet hat, und läßt sich sein Schinken-Käse-Sandwich schmecken.
Danach ruft er die Finanzabteilung an und erkundigt sich nach Bestellung 45.
Von dort kommt die Meldung zurück, daß von dem angegebenen Konto nicht abgebucht werden könne, entweder sei es überzogen oder der Server der Bank spinne mal wieder.
Abgelenkt von dieser Meldung, überlegt sich Herr Müller, welche seltsamen Gründe noch für eine Abbuchungsverweigerung vorliegen könnten.
Von an Internetkabeln knabbernden Mäusen bis hin zu einem nicht im Bankprogramm einprogrammierten Raubüberfall schwirren ihm viele Ideen im Kopf herum.
Herr Müller ist ziemlich unkonzentriert, während er die nächsten zweihundert Bestellungen überprüft, so daß er bis zum Dienstschluß nicht ganz fertig wird.
Mit Kopfschmerzen blickt er auf die Uhr, sieht, daß schon seit einer halben Stunde Feierabend wäre, und läßt die restlichen zwanzig Bestellungen bis morgen übrig.
Daß Nummer Zwei den Betrag "32,--" trägt, interessiert ihn dabei nicht.
Der Computer wird heruntergefahren, und mit noch einem Gähnen steigt Herr Müller in seinen Golf und fährt nach Hause, wo seine Frau schon mit dem Essen wartet.
Ulm:
Ich schaue vorsorglich zweimal in den Briefkasten. Anschließend muß ich über mein Übermaß an Optimismus lächeln.
Vor drei Tagen läuft beim Onlinekauf gar nichts, das hat die Erfahrung ja schon oft gelehrt.
Ich überlege mir, ob das Päckchen wohl am Mittwoch oder erst am Donnerstag da ist.

3. Tag - Dienstag
Geschäftsstelle Amazon Deutschland:
Herr Müller steigt aus seinem klapprigen Golf, heute war kein Stau, deswegen ist er nur fünf Minuten zu spät.
Als er sich in seinen Bürosessel sinken läßt und den Computer einschaltet, fällt ihm ein, daß er ja heute gar nicht zur Büroarbeit eingeteilt ist - heute ist Versandsdienst angesagt.
Er verflucht im Stillen die modernen Arbeitszeiten, schaltet den Computer wieder aus und macht sich auf den Weg ins Lager.
Seine Brotzeit vergißt er auf dem Schreibtisch.
Während der Arbeit, die hauptsächlich aus dem Holen, Sortieren und Schlichten von Paketen besteht, fällt ihm ein, daß auf seinem Computer noch zwanzig Bestellungen warten.
Deswegen rennt er in der Mittagspause schnell rüber zu seinem Büro, schickt alle Bestellungen ungeprüft in die Finanzabteilung und wartet nervös auf die Bestätigungen.
Nachdem er das dritte Mal auf seine Uhr geschaut hat, das dreihundertsiebenundzwanzigste Mal auf dem Schreibtisch getrommelt und vierundachzig Mal sinnlos mit der Maus geklickt hat, sind alle Bestellungen bestätigt.
Schnell schiebt er sie rüber ins Lager und merkt, daß von seiner Mittagspause gerade noch soviel übrig ist, daß er selbst noch ins Lager kommt.
Herr Müller bedauert, daß er sich die achthundert Meter zum Lager nicht per Computer schicken lassen kann.
Sein Blick fällt auf die vergessene Brotzeit von heute, und er nimmt auch noch die leere Dose von gestern mit.
Nachdem sein Feierabend wieder einmal einige Minuten überfällig ist, stapelt er zufrieden das letzte Päckchen auf die Palette und schickt sie nach draußen, wo sie in einen Lastwagen geladen wird.
Er packt seine Sachen zusammen, während er auf seinem Bildschirm noch eine Bestellung eingehen sieht. Da er gerade noch in Schwung ist, beschließt er, das Päckchen auch noch schnell aufzuladen.
Den Mantel halb über die Schultern gehängt, die Tasche mit der Brotzeit im Mund, holt Herr Müller das Päckchen aus dem Lager und stellt es noch schnell zu den anderen, bevor die Palette weg ist.
Daß bei der hastigen Aktion ein anderes, kleines Päckchen mit in seine Tasche rutscht, bemerkt er nicht.
Wieder steigt Herr Müller in seinen klapprigen Golf und überlegt sich, wann das Auto wohl nicht mehr anspringen würde.
Zuhause steht das Essen gerade auf dem Herd, als Herr Müller seine Tasche auspackt und das Päckchen bemerkt.
Es ist ihm nicht peinlich, daß wegen ihm der Versandsablauf verzögert wird.
Er macht sich vielmehr Sorgen, wie er das Päckchen auf eine andere Palette bringen soll, ohne daß es jemanden auffällt.
Ulm:
Die Bestätigung, daß mein Päckchen versendet ist, kommt per Mail. Ich freue mich und denke, jetzt kann es nicht mehr lange dauern.
Wenn ich Glück habe, ist das Paket schon raus und morgen nachmittag bei mir.
Obwohl es total unlogisch ist, schaue ich gegen 11 Uhr abend nochmal in meinem leeren Briefkasten.

4. Tag - Mittwoch
Geschäftsstelle Amazon Deutschland:
Herr Müller steigt aus dem Linienbus. Er ist knapp eine Stunde zu spät, weil sein klappriger Golf heute nicht angesprungen ist.
Nachdem er die zehn Minuten zu Fuß zu seinem Büro zurückgelegt hat, ist er ziemlich außer Atem.
Daß Herr Müller ein Päckchen durch das Lager schmuggeln wollte, bemerkt er nicht, da er die Tasche mit seiner Brotzeit auf dem Nebensitz im Bus vergessen hat.
Erst gegen Nachmittag bemerkt er ein deutliches Hungergefühl und sucht nach der Brotzeit, die seine Frau heute früh für ihn gemacht hat.
Als er darauf kommt, daß die Tasche vielleicht im Auto liegen könnte, geht er auf den Parkplatz, um sie zu holen.
Noch auf dem Weg fällt Herrn Müller siedendheiß ein, daß sein Auto zu Hause steht und die Tasche noch im Bus liegen muß.
Mitsamt dem verschlampten Päckchen.
Schnell rennt er zu seinem Büro zurück und versucht, die Buszentrale anzurufen, ob die denn eine Tasche mit beschriftetem Päckchen gefunden haben.
Ihm ist eingefallen, daß sein Arbeitskollegen von einem Freund erzählt hat, dem wegen Veruntreuung von Firmeneigentum gekündigt wurde, und hat Angst davor, seinen Beruf zu verlieren.
Zu seiner Erleichterung ist die Buszentrale noch besetzt, aber zu seiner Enttäuschung ergibt eine Nachfrage beim firmeneigenen Fundbüro kein Ergebnis.
"Versuchen Sie's morgen noch einmal", rät die freundliche Dame dem verzweifelten Herrn Müller.
Dieser geht nach Dienstschluß wieder zum Parkplatz, und wieder fällt ihm ein, daß sein Auto heute nicht dort steht.
Sehr verärgert stellt er fest, daß der nächste Bus erst in einer halben Stunde fährt.
Er ruft seine Frau an, daß es etwas später werden könnte.
Seine Frau ist daraufhin auch verärgert, weil sie sich so beeilt hatte, genau rechtzeitig mit dem Essen fertig zu werden.
Ulm:
Ich bin mir nicht sicher, wann der Postbote normalerweise kommt.
Deswegen prüfe ich sicherheitshalber vor der Uni, nach der Uni und vor dem Schlafengehen den Briefkasten. Noch nicht mal Werbung drin.
Ich überlege mir, daß ich mir das Päckchen auch in die Stadt, in die Amazon-Zentrale liegt, schicken hätte können.
Dann wäre es am gleichen Tag da gewesen und ich hätte es am Montag mit dem Auto abholen können.
Aber ich kenne keinen in der Stadt, in der Amazon Deutschland liegt.

5. Tag - Donnerstag
Geschäftszentrale Amazon Deutschland:
Herr Müller kommt 4 Stunden zu spät, dafür steigt er aus seinem wieder lauffähigen und nicht mehr ganz so klapprigen Golf aus.
Mit grimmigen Gesicht - sein Konto ist dank der Werkstatt um 300 Euro leichter - wirft er die Autotür zu.
Seine Miene verwandelt sich in ein grimmiges Lächeln, als er das Päckchen auf den Schreibtisch wirft, das er persönlich bei der Buszentrale abgeholt hat.
Die freundliche Frau vom Telefon hat er allerdings da nicht getroffen.
Gerade als er sich überlegt, wie er das Päckchen unauffällig ins Lager bringen könnte, fällt ihm siedendheiß ein, daß er genau heute dort arbeiten sollte - seit vier Stunden!
Nachdem Herr Müller die achthundert Meter im Dauerlauf zurückgelegt hat, baut sich sein Vorgesetzter vor ihm auf und fragt ihn zornig, was das denn zu bedeuten habe.
Seine Kollegen sind auch sauer, schließlich mußten sie den ganzen Vormittag die Arbeit von Herrn Müller mit erledigen.
Herr Müller versucht sich mit roten Ohren zu rechtfertigen und besänftigt den Vorgesetzten dann so weit, daß dieser leise schnaubend davonzieht.
Das Päckchen hat Herr Müller unterdessen unauffällig in seine Brotzeittasche fallen lassen.
Um seine Kollegen nicht weiter zu verärgern, arbeitet er heute doppelt so schnell.
Nach Feierabend ist er alleine im Lager, und es ist kein Problem, endlich das brisante Päckchen loszuwerden.
Auf einer vollgepackten Palette ist noch ein Plätzchen frei, und Herr Müller schiebt sein Kuckucksei hinein.
Mit befreiten Gewissen verläßt er das Lager, ißt auf dem Heimweg seine Brotzeit und schimpft leise über den Nieselregen, der auf sein Auto tröpfelt.
Der Lastwagenfahrer Rudi bekommt die letzte Palette für heute aufgeladen.
Sein Tag ist allerdings damit noch lang nicht zu Ende, vor ihm liegt eine Fünf-Stunden-Fahrt nach Köln.
Ulm:
Nachdem ich mir überlegt habe, daß die Idee mit dem Auto doch nicht so sparsam ist, und man stattdessen mit dem Zug um einiges billiger kommt, habe ich den Briefkasten das dritte Mal geprüft.
Da der immer noch gähnend leer ist, schwinge ich mich auf mein Fahrrad und brause in Richtung Uni, um nichts von der zweiten Stunde Mathe zu verpassen.
Die Uni ist schließlich aus, und als ich vom Fahrrad steige und meinen Briefkasten öffne, ist der immer noch leer.
Ich denke mir, da muß was schief gelaufen sein, und entschließe mich, den Hausmeister aufzusuchen.
Der ist ja für falsch addressierte und allgemein abgegebene Päckchen zuständig.
Tja, so bekomme ich die offiziellen Sprechzeiten der Hausmeister mit, die zwischen 8 und 9 Uhr früh liegen.
Das ist die Zeit, in der 50% der Studenten schlafen und die anderen 50% in der Uni sitzen [müssen].
Sehr gut gewählte Zeit für Sprechstunden, wirklich.
Frustriert gehe ich ins Bett, aber nicht ohne nochmal einen Blick in den Briefkasten geworfen zu haben.

6. Tag - Freitag
DHL-Verteilerzentrale Köln:
Lastwagenfahrer Rudi hat nachts um 1 seinen LKW hier ausladen lassen und ist dann müde nach Hause gefahren.
Die abgeladenen Paletten stehen bis 6 Uhr früh in der Halle 4.
Dann kommen die ersten Arbeiter und schlichten die Pakete auf ein Förderband, das in Richtung Sortiercenter fährt.
Asmir Ulük ist der Fachmann am Sortierband; er hatte gestern abend Krach mit seiner Freundin und dementsprechend wenig Schlaf.
Obwohl er sonst ein wirklich zuverlässiger Angestellter ist, übersieht er somit das Päckchen, das keinesfalls an den Landkreis Köln adressiert ist.
Glücklicherweise fällt der Irrtum zwanzig Meter weiter schon auf, weil eine Barcode-Lese-Maschine das Päckchen unter "Fehlerhaft adressiert" aussortiert.
Da wirft Asmir einen zweiten Blick auf die Empfängeradresse, seufzt leise über die Unfähigkeit der Sortierer bei Amazon und legt das Päckchen auf ein anderes Förderband.
Der Barcode auf dem Päckchen wird maschinell eingelesen, und das Päckchen verschwindet in Richtung Aufladestation, wo es wieder auf eine Palette gestapelt wird.
Der Lastwagenfahrer Edi hat heute den Auftrag, nach Ulm zu fahren und beim Verteiler Pakete abzuliefern.
Als alle Paletten in seinem LKW verladen sind, fährt Edi los.
Er seufzt, als er die Sonne untergehen sieht und überlegt sich, wann er denn nach Hause kommen würde.
Außerdem hat er seine Frau im Verdacht, fremdzugehen.
Da Edi weiß, daß die Leute im DHL-Verteiler am Wochenende ohnehin nicht arbeiten, verflucht er seinen nächtlichen Auftrag und hängt den Liebhaber seiner Frau gleich mit an.
Ulm:
Nach vielen Stunden Fahrt kommt Edi endlich im nächtlichen Ulm an.
Zum Glück steht auf dem Ortsschild "Studentenstadt", sonst wäre er nicht um die betrunkenen jungen Leute vorgewarnt gewesen, die da zu nachtschlafender Zeit noch auf der Straße tanzen.
Edi stellt seinen LKW ab und beschließt, demnächst mit diesem langweiligen Beruf aufzuhören.
Zu der Frage, was er sonst arbeiten sollte, fällt ihm allerdings nichts brauchbares ein.
Ulm - Eselsberg:
Ich nutze die Gunst der Stunde, gebe die gelösten Aufgabenblätter schon kurz vor 8 ab und fahre dann ohne Berücksichtigung der Korrekturstunde sofort wieder nach Hause.
Somit umgehe ich das von den Hausmeistern wohlorganisierte Konzept der arbeitsfreien Stunde und trete mitten in das nach Kaffee duftende Zimmer.
Falls die beiden wegen der unerwarteten Störung verlegen sein sollten, zeigen sie es nicht.
Mit jovialen Gesten wird mir klar gemacht, daß überhaupt kein Paket für mich angekommen sei.
Das lasse ich nicht auf sich beruhen und harre so lange aus, bis ich die gestapelten Päckchen persönlich inspizieren darf.
Nachdem ich jede Empfängeradresse penibel geprüft habe und sicher bin, daß die meinige nicht dabei ist, verlasse ich verwirrt das Hausmeisterbüro.
Kurz bevor ich den Schlaf der vergangenen Nacht nachhole, öffne ich trotzdem nochmals meinen leeren Briefkasten.
Ich kann gar nicht glauben, daß meine Kopfhörer nach einer Woche immer noch nicht da sein sollen.

7. Tag - Samstag
Ulm:
Nichts passiert. Edi ist wieder zu Hause, seiner Frau konnte er nichts nachweisen, aber mißtrauisch ist er immer noch.
Ich bin zu meinen Eltern gefahren, wo mich meine Schwester aufmuntert, daß der Postbote ja auch samstags kommt.
Wenn ich am Sonntag nach Hause komme, liegt das Päckchen sicher schon im Briefkasten, denke ich hoffnungsvoll.

8. Tag - Sonntag
Ulm:
Die Palette steht immer noch unangebrochen im DHL-Verteiler Ulm.
Mein Anschlußzug in Donauwörth hat "wegen Bauarbeiten" eine Stunde Verspätung, und so lerne ich den Bahnhof Donauwörth kennen.
Darauf hätte ich auch gerne verzichtet. Design: baufällig, Aktivität: tote Hose. Nicht mal W-Lan gibt es.
Als ich dreieinhalb Stunden nach meiner Abfahrt in meiner Bude ankomme, gilt mein erster Blick dem Briefkasten.
Enttäuscht klappe ich ihn wieder zu und überlege mir, daß ich in der Zwischenzeit das Päckchen schon mit dem Fahrrad hätte abholen können.


Epilog:
12. Tag - Donnerstag
Nach einem abendlichen (!) Servicegespräch mit Amazon geben diese zu, daß das Päckchen beim Versand verloren gegangen sein muß und bieten mir eine kostenlose Ersatzlieferung an.
Natürlich gebe ich eine andere Adresse an, das Drama muß nicht noch einmal sein...
Und hier, ein nachträgliches Lob an die Amazon-Verwaltung:
14. Tag - Samstag
Meine Kopfhörer sind da. Ein Tag nach der Versandsbestätigung. Geht doch! :)

9.6.05

Artpad

Artpad


Schon vor einiger Zeit bin ich zufällig auf eine spitzenmäßige Webseite gestoßen. Aber heute erst wurde diese Seite wieder gefunden - und gleich veröffentlicht!

Gerade für angehende Künstler oder Hobbymausmaler gibts hier die Möglichkeit, direkt im Internet eigene Gemälde zu erstellen - und, das ist das Tolle dabei, den Link zur Entstehung des Kunstwerks weiterzuverbreiten.
Der Link ist in meiner Linkliste, die Seite heißt "Artpad".
Einfach mal reinklicken und ausprobieren!

Achja, das System basiert auf Flash, ein sehr schneller Rechner wird fürs ruckelfreie Zeichnen benötigt. Ich mit meiner 1600MHz-CPU mußte die Qualität auf "Low" stellen (rechte Maustaste), das empfehle ich somit allen meinen Besuchern.

Viel Spaß beim Malen - komplette Kunstwerke bitte als Kommentar posten!

Beispiel für ein Meisterwerk (selbst gekritzelt)

6.6.05

Palmberatung

LiveDrive

Zum 100-Klick-Jubiläum:
Hier gibts eine komplette Liste der momentan erhältlichen Palm-Modelle.

Zur Kaufberatung sind auch noch die Preise dabei, die man in ebay erzielen kann, die Zahl in Klammern entspricht dem momentanen Durchschnittsverkaufswert.
Die Liste ist selbst erstellt und die Auktionen nur noch wenige Tage gültig, also schnell anschauen :)
Bilder für alles gibts übrigens hier.
Viel Spaß beim Stöbern!

4.6.05

Jugendschwärmerei


Lisa, verführerisch

Klassentreffen.
Was verbindet der Durchschnittsmensch mit diesem Begriff?

Einverstanden, das kommt ganz auf die persönliche Vergangenheit an.
Der frühe Schulabgänger wird wohl kaum sehr erfreut sein, die Kollegen zu treffen, die es alle viel weiter gebracht haben als er selbst - und deshalb erst gar nicht erscheinen. Mit einem Hauch von Selbstmitleid und gepeinigten Gesichtszügen wirft er also die elegante Einladungskarte in den Papierkorb.
Jugendliche, die ihre besten Schuljahre erst noch vor sich haben, sehen diese Veranstaltung als willkommenen Termin für exzessive Besäufnisse - dabei ist es mehr oder weniger irrelevant, ob sie überhaupt zur feiernden Klassengemeinschaft gehören/je gehört haben. Hauptsache Party. Hier werden auf die Rückseite der Einladung die zu besorgenden Schnapsvorräte notiert.
Dieser Ansatz ist auch nicht zu verurteilen, sorgt er doch für einen anständigen Altersdurchschnitt und ein gerüttet Maß an Stimmung. Nichts langweiliger als spießige Ehemalige, die sich gegenseitig mit ihren Diplomen und Doktortiteln, Eigentumswohnungen und Ehefrauen, Autos und Monatseinkommen langweilen.
Diese Kategorie Mensch stellt sich die Einladungskarte in die wöchentlich abgestaubte Vitrine, zusammen mit zahllosen verschnörkelten Karten fristet sie dann ihr restliches Dasein.

Ich zähle mich, wie üblich, zu keiner der genannten Kategorien. Ob das jetzt objektiv auch so stimmt, mag zwar in Frage gestellt werden, ist aber letztendlich egal.
Tatsache ist, daß heute ein Klassentreffen stattfindet. Ich wurde von einem Freund per SMS davon benachrichtigt (ungefähr eine halbe Stunde vor Beginn) und erschien auch pünktlich zwei Stunden später. Zu dieser Uhrzeit, gegen 23 Uhr, war die Partyfraktion natürlich schon in ihren fortgeschrittenen Zügen, und ich verspürte irgendwie relativ wenig Lust, mich der ausgelassen tanzenden und torkelnden Meute anzuschließen. Zumal mir kurz vorher noch erklärt wurde, die guten Cocktails wären alle schon weg, alkoholhaltig wäre nur noch das Bier (zu 1,50) oder eine ziemlich schlechte Kopie eines Batida de Coco (2,00).
Heute ist nicht mein Tag, dachte ich mir und entschloss mich daraufhin spontan zur Abstinenz.

Alkoholfrei auf einer Schülerparty umherzuwandeln hatte auch seine guten Seiten: man konnte sich ziemlich sicher sein, in einigen Fällen einen gewaltigen Vorsprung an sprachlicher Logik und Zusammenhang gegenüber dem lange bekannten Gesprächspartner zu haben.
Sehr zu meinem Bedauern waren nicht alle Bekannten aus der Schulzeit durch Ethanoleinfluß enthemmt worden, und so verliefen einige Gespräche nach wenigen Worten wieder im Sand. Was sollte man sich auch groß mitteilen, im Grunde hatte sich ja in dem verstrichenen Jahr wenig geändert. Man war immer noch am Ackern, um den Anforderungen gerecht zu werden, und das Ausmaß an Lernerei hatte sich auch eher noch verschlimmert.
Nur, dermaßen nüchtern betrachtet, stellte sich die Frage, warum solche - wörtlich gesehen - nichtssagenden Persönlichkeiten denn überhaupt zu einer Veranstaltung wie dieser erscheinen. Leute, die man gar nicht anzusprechen braucht. Keine neuen Informationen, keine Anekdoten aus den letzten zwölf Monaten, kein Unterhaltungswert. Im wahrsten Sinne wertlos für eine Party, wahre Stimmungsbrecher, solche Leute.
Stimmungsbrecher, das ist ein gutes Bild. Diese Besucher stehen mit unstetig schweifendem Blick ziemlich verkrampft in der Menge, mit einem obligatorischen Bier in der Hand, und positionieren sich immer in die ungünstigste Lage für andere, stimmungsvolle Leute auf dem Weg zur Bar. Stehen im Weg.
Wie ein Fels in der Stimmungsbrandung - jeder Hauch von Belustigung prallt chancenlos an ihnen ab. Da wurde mir klar, wozu ordentliche Parties einen Türsteher bezahlen - damit Langeweiler wie diese vor der Tür bleiben und keinen Mißmut in die Feierlichkeiten bringen können.

Die DJs wechseln, die Musik wird etwas beschaulicher. Ich sehe mich nach bekannten Gesichtern um, und da sind sogar mehr davon als erwartet. In dem mittelgroßen Schulhof drängen sich sicherlich über 300 junge Leute, und es dauert eine ganze Weile, sich im Kopf eine Liste mit ehemaligen Klassenkollegen zu schreiben. Aber die Liste wird ganz schön lang, und es sind einige unerwartete Besucher dabei. Leute, von denen ich weiß, daß sie in Städten studieren, die mindestens ebenso weit weg von hier sind wie Ulm, tauchen plötzlich überraschend in der Menge auf. Darunter auch - und mir wird heiß unter der lauen Sommernacht - ein Mädchen, mein persönlicher Schwarm aus der Schulzeit, schon eine wahre Jugendliebe. Nur leider eine recht einseitige Liebe - die vermaledeite Schüchternheit war bisher immer in unüberwindbares Hindernis einer ernsthaften Beziehung gewesen. Aber, vielleicht, geht es mir durch den Kopf, mit der geballten Erfahrung aus zwölf Monaten Selbstständigkeit im Rücken, könnte ich endlich einmal genug Selbstvertrauen aufbringen und ein normales Gespräch mit ihr führen?

Ich stehe unentschlossen in der Menge, die an mir vorbeitreibt und ein paar halbwüchsige Rüpel stoßen sich ganz physisch an meiner Gesellschaft. Verwirrt weiche ich aus und hole mir erstmal ein kaltes Bier, um die innere Hitze - und Verlegenheit - etwas zu dämpfen. Nach ein paar Momenten an der Bar und zwei weiteren Flaschen ist meine Hemmschwelle gegenüber dem anderen Geschlecht zwar nicht deutlich gesunken, aber sehr wohl die meiner Mitmenschen, denen ich aus lauter Verzweiflung meine Tragödie gebeichtet habe. Eigentlich hatte ich ja nicht damit gerechnet, daß bei der Lautstärke von Hintergrundmusik noch eine halbewegs verständliche Story bei meinem - auch schon lang bekannten - Gesprächspartner ankommt, aber dieser hat offensichtlich mein Dilemma verstanden und würdigt meine verzweifelte Situation nicht im Geringsten.
Ganz im Gegenteil, ich benehme mich wie ein verliebter Teenager, wenn ich wirklich Mumm hätte, solle ich doch auf meinen Schwarm offen zutreten und ihr mein Anliegen kundtun - so oder in so ähnlichem Ton werden mir halb gutgemeinte, halb genervte Ratschläge gegeben.

Die drei Bier tun allmählich seine Wirkung, und obwohl die Musik immer noch nicht tanzwürdig ist (was einige Dutzend bauchfreie Mädchen interessanterweise komplett anders sehen), ist der Rythmus in Verbindung mit Lautstärke wenigstens nicht mehr unerträglich. Irgendwie wird mir bewußt, daß heute irgendwie nicht mein Tag sein kann.
Wieder einmal stehe ich unschlüssig in der Menschenmenge, und als ich mit einem völlig unerklärlichen bösen Blick und dem gezischten Wort "Langweiler" bedacht werde, entschließe ich mich verwirrt zur Handlung.
Gemäß dem Sprichwort "Augen zu und durch" - Volksweisheiten können in solchen Situationen wirklichen moralischen Halt bieten - steuere ich die Hauptfigur vieler meiner Träume mit geschlossenen Augen an, und spreche mir während des Gangs immer wieder Mut zur Tat zu.
Noch mit gesenktem Blick, bringe ich die lächerlich profanen Worte
"Hallo Ramona, na, wie gehts so?" hervor.
Leider war mein blinder Gang nicht ganz kerzengerade verlaufen, und so stehe ich fünf Meter neben meinem Ziel, meiner Mathelehrerin. Die erfreut mit mir ein Gespräch über alte Zeiten anstimmt.

Nein, heute ist wirklich nicht mein Tag.

PS: Lisa, falls du das liest, mach dir keine falschen Hoffnungen. Du warst lediglich das hübscheste Titelbild, das ich auf die Schnelle auf Lager hatte ;) Verzeih mir bitte.